Beim Führen von Geschäften in Europa steht E-Commerce-Händlern ein Wandel bevor

  • 24.Juni 2020

Ab Juli 2021 gelten in Europa für Unternehmen auf der ganzen Welt neue E-Commerce-Regeln in Bezug auf die Mehrwertsteuer. Diese Veränderungen werden sich stark auf die Berechnung und das Ausweisen der fälligen Mehrwertsteuer in Europa auswirken – sowohl für Produkte, die innerhalb der EU vertrieben werden, als auch solche, die aus dem Ausland in Mitgliedsstaaten importiert werden.

Konzentrieren wir uns zunächst auf den Verkauf an Endkonsumenten von Waren, die sich bereits physisch in der EU befinden. Die aktuellen Regeln verwenden Entfernungsschwellenwerte von 100.000 € oder 35.000 €, um zu bestimmen, ob der Mehrwertsteuersatz des Bestimmungslandes anzuwenden ist.

Beispiel: Ein Händler in den Niederlanden verkauft an Endverbraucher in Frankreich und Deutschland. Der Verkaufswert nach Deutschland überschreitet den aktuellen Entfernungsumsatzschwellenwert von 100.000 €, sodass für diese Verkäufe der deutsche Mehrwertsteuersatz anzuwenden ist. Für Frankreich gilt ein geringerer Entfernungsumsatzschwellenwert von 35.000 € und da die Verkäufe nach Frankreich unterhalb dieses Schwellenwerts liegen, muss die französische Mehrwertsteuer nicht erhoben werden. Stattdessen muss die niederländische Mehrwertsteuer berechnet und ausgewiesen werden.

Gemäß der neuen Regeln wird die fällige Mehrwertsteuer anhand des Gesamtumsatzes eines Unternehmens aus grenzüberschreitenden Umsätzen innerhalb der EU bestimmt. Wenn der Umsatz eines Unternehmens dabei 10.000 € überschreitet, muss die Mehrwertsteuer des jeweiligen Ziellandes berechnet werden; jedoch kann das Unternehmen diese Mehrwertsteuer über die neue optionale One-Stop-Shop(OSS)-Mehrwertsteuererklärung einreichen. Wenn im Beispiel oben der Umsatz des niederländischen Anbieters den Schwellenwert überschreitet, muss sowohl die französische als auch die deutsche Mehrwertsteuer berechnet werden. Dies kann über den OSS in den Niederlanden ausgewiesen werden.

Der OSS erleichtert zwar das Ausweisen der Mehrwertsteuer, aber aufgrund der neuen Schwellenwertberechnung wird die Mehrwertsteuerberechnung komplizierter. Verkäufer, die die Schwellenwerte zuvor nicht überschritten haben, müssen nach den neuen Regeln nun unter Umständen die Mehrwertsteuer mehrerer Zielländer berechnen. Unternehmen in der EU müssen also jetzt ihre Lieferungen überprüfen, um sich auf den Übergang vorzubereiten.

Die aktuellen Regeln für Kunden, die Waren von außerhalb der EU an Kunden in der EU verkaufen, hängen von einer Import-Freistellung in Höhe von 22 € ab. Für Produkte unterhalb dieses Wertes wird keine Mehrwertsteuer erhoben.

Beispiel: Ein Händler in den USA verkauft Produkte nach Frankreich und Deutschland. Bei den nach Frankreich verschickten Waren liegt der Wert über 22 €, sodass bei der Einfuhr Mehrwertsteuer anfällt. Die an Kunden in Deutschland verkauften Produkte haben einen Wert von unter 22 €, sodass diese von der Mehrwertsteuer befreit sind.

Nach den neuen Regeln wird der Freibetrag von 22 € abgeschafft, und der Schwellenwert, bei dem die Erhebungsmethode der Mehrwertsteuer geändert wird, liegt bei 150 €. Für Produkte, die diesen Wert nicht überschreiten, wird ein spezieller Import-One-Stop-Shop (IOSS) eingeführt. Während diese Produkte von der Import-Mehrwertsteuer befreit sind, müssen Unternehmen die Mehrwertsteuer des Ziellandes auf ihre Verkäufe berechnen und ausweisen.

Die bevorstehenden Regelungen werden den Umgang von E-Commerce-Unternehmen innerhalb und außerhalb Europas mit der Mehrwertsteuer grundlegend verändern. Einzelhändler werden ihre ERP-Plattformen und die verwendete Steuertechnologie überarbeiten müssen, um konform zu bleiben. Achten Sie auf meinen nächsten Blog-Beitrag, in dem ich die Auswirkungen der neuen Mehrwertsteuerregeln für E-Commerce-Marktplätze in Europa erläutern werde.

Bitte beachten Sie, dass der Blog zu Steuerangelegenheiten Informationen zu Bildungszwecken bietet, jedoch keine spezifische Steuer- oder Rechtsberatung. Konsultieren Sie immer einen qualifizierten Steuer- oder Rechtsberater, bevor Sie auf Grundlage dieser Informationen Maßnahmen ergreifen. Die im Blog zu Steuerangelegenheiten ausgedrückten Ansichten und Meinungen sind die der jeweiligen Autoren und spiegeln nicht notwendigerweise die offizielle Politik, Position oder Meinung von Vertex Inc. wider.

Autor des Blogs

Peter Boerhof, VAT Director im Chief Tax Office (CTO) bei Vertex Inc., präsentiert Einblicke in die Auswirkungen steuerlicher Vorschriften, Richtlinien und Durchsetzung sowie aufkommender Technologietrends auf die Abläufe in Steuerabteilungen auf der ganzen Welt.

Peter Boerhof

Director, VAT

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Peter Boerhof ist VAT Director bei Vertex. In seiner Rolle bietet er Einblicke und Denkanstöße zu den Auswirkungen von Steuervorschriften und Steuerpolitik sowie den neuen Technologietrends im globalen Steuerwesen. Herr Boerhof verfügt über umfangreiche Erfahrung in internationalen Transaktionen, Unternehmensumstrukturierungen, Steuerprozessoptimierung und Steuerautomatisierung. Bevor er zu Vertex kam, war er Leiter für indirekte Besteuerung bei AkzoNobel, wo er ein TCF-System entwickelte und implementierte, die Abführung von Umsatzsteuer optimierte und den Übergang zu einem zentralisierten Modell für die Steuerabgabe für globale Steuerprozesse leitete.

Er war auch für die Planung und Einhaltung indirekter Besteuerung bei Fusionen und Übernahmen, Lieferketten- und ERP-Projekten sowie für die Implementierung von Steuerautomatisierungsinitiativen wie Tax Engines und Robotics verantwortlich. Herr Boerhof arbeitete auch bei KPN Royal Dutch Telecom, wo er für die Umsatzsteuer verantwortlich war. Außerdem beriet er bei den Big-Four-Wirtschaftsprüfern Deloitte und Ernst & Young (EY) zu Umsatzsteuer und Optimierungsprozessen. Er hat einen MBA von der Rotterdam School of Management und einen Master in Steuerrecht von der Universität Groningen.

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